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Erweiterung und Neubau einer Ganztageseinrichtung für das Fichte Gymnasium in Karlsruhe

Erweiterung und Neubau einer Ganztageseinrichtung für das Fichte Gymnasium in Karlsruhe

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Auslober / Verfahren:

Stadt Karlsruhe, Amt für Hochbau- und Gebäudewirtschaft, Mehrfachbeauftragung

Visualisierung:
Andreas Stuchlik, Karlsruhe

Wettbewerbsaufgabe:

Das Fichte-Gymnasium hat dringenden Bedarf an einer Ganztageseinrichtung und an weiteren Klassenräumen. Ein Teil dieser Klassenräume wird derzeit in einem Erweiterungsbau über dem Pausenhof auf dem Grundstück Sophienstraße 12-16 realisiert. Zusätzliche Erweiterungsmöglichkeiten sind darüber hinaus auf diesem Grundstück nicht gegeben.

Aus diesem Grund hat die Stadt Karlsruhe - als Auftraggeber vertreten durch das Amt für Hochbau und Gebäudewirtschaft - das Grundstück in der Sophienstraße 2 erworben. Die dort vorhandene Bausubstanz stellt sich nach eingehenden konstruktiven Untersuchungen sehr heterogen dar.

Es sind erhebliche bauliche Aufwendungen erforderlich, das Gebäude brandschutztechnisch und bauphysikalisch den Anforderungen eines Schulbaus anzupassen. Da ein Umbau des Bestandsgebäudes weder funktional noch wirtschaftlich sinnvoll darstellbar ist, sollen die benötigten Räume des Fichte-Gymnasiums nach Abriss des Bestandsgebäudes in einem Neubau untergebracht werden. Hierfür wurde eine Mehrfachbeauftragung ausgeschrieben, zu der fünf Architekturbüros eingeladen wurden.

Das Wettbewerbsergebnis wird weiterentwickelt bis zur Entwurfsplanung mit Kostenberechnung und soll für den Doppelhaushalt 2011/12 vorbereitet werden.

Konzept:

Städtebauliche Einbindung
Das Quartier zeichnet sich durch eine homogene Blockrandbebauung aus. An der schiefwinkeligen Schnittstelle zwischen Karl- und Sophienstraße entsteht eine klaffende Fuge, die aus der bestehenden Situation heraus auch nicht einfach geschlossen werden kann. Der Bestandsschutz, die notwendige Zugänglichkeit in den Hof, die Fensteranordnung im Bestand und der Brandschutz fordern Berücksichtigung.
Wir nutzen dies, um das Schulhaus frei zu stellen.
Dadurch können wir die Stellplätze und die Anlieferung des Geschäftshauses in der Karlstraße auf unspektakuläre Weise anbinden und eine für ein Gymnasium angemessene Vorfläche mit großzügiger Eingangssituation entwerfen.
Die Straßenflucht wird exakt aufgenommen, die für den Straßenraum ebenso wichtige Traufhöhe wird durch unseren drei- geschossigen Neubau weitergeführt.
Im Bereich des Innenhofs schließt der eingeschossige Baukörper das Schulgelände zur Geschäftsbebauung der Karlstraße ab. Um die wertvolle Frei-/Pausenfläche, die zukünftig durch den Speisesaal belegt sein wird, den Schülern und dem grünen Blockinnern zurückzugeben, schlagen wir vor, die Dachfläche als Dachgarten über eine "begrünte Tribüne" mit der auf Straßenniveau liegenden Pausenfläche zusammenzuführen.

Erschließung / Pausenfläche / Außenanlage
Der Eingang des Schulhauses liegt unter dem auskragendem Baukörper direkt an der Sophienstraße in Richtung Hauptgebäude Fichtegymnasium. Die wettergeschützte Vorfläche mit massiven Sitzbänken ist idealer Treffpunkt für die Schüler. Der offene Durchgang zum Hof erweitert die Pausenfläche zusätzlich. Dieser Bereich ist durch ein Schiebetor im Hinterhof zur Straße hin abschließbar. Der Belag unter dem Baukörper ist um eine Stufe gegenüber dem öffentlichen Raum angehoben und mit den gleichen Klinkern belegt, die auch bei der Fassade des Schulgebäudes Verwendung finden. Der nichtüberdachte Durchgang zum Innenhof ist mit einem versickerungsoffenen Asphaltmastix belegt. Die Farbe des Asphalts entstammt dem gleichen Farbkanon wie die Fassade selbst. Auf dem Hof bilden die Sitzbankreihen aus Betonblöcken die Fortführung der Stufen der Tribüne. Die begrünte Tribüne und die sie begleitende Treppe führen hoch zum Dachgarten oberhalb des Speisesaals. Vielfältige Nutzungen sind möglich, für Schüler und Klassen, für die Pause und für den Unterricht.
Alle bestehenden Bäume im Innenhof bleiben als sommerliche Schattenspender erhalten. Die nördliche Grenzwand schließt den Hof räumlich ab und soll zur "Aktivwand" werden. Graffiti erwünscht!

Grundrissgliederung / Räumliches Konzept
Das Gebäude ist in die Verkehrs- und in die Zone der Hauptnutzflächen gegliedert. Zur lauten Straße nach Süden liegt die Erschließung und bildet einen natürlichen Lärmschutzriegel für die Klassenräume. Diese sind zum ruhigen Innenhof nach Norden orientiert. Die großen Glasflächen sorgen für üppige, gleichmäßige Belichtung der Unterrichtsräume, auf sommerlichen Sonnenschutz kann aufgrund der Nordausrichtung komplett verzichtet werden.

Blickbeziehungen
Wenige, dafür aber gezielt gesetzte Öffnungen schaffen Kontakt zur Stadt, Ausblicke auf die Straße und auf den neu geschaffenen Vorplatz.
Im rahmenlos verglasten Panoramafenster im 1. Obergeschoß sitzt man wortwörtlich "über" der Straße, man erlebt die Straße. Ein großer Luftraum bindet das 1. und 2. Obergeschoß in der Erschließungszone zusammen. Von beiden Ebenen besteht Blickkontakt auf den westlich gelegenen Vorplatz mit Haupteingang. Auf der gegenüberliegenden Seite Richtung Osten fällt das morgendliche Sonnenlicht durch die netzartig gemauerte Vorsatzschale in warmem Ton in den Treppenraum und schafft eine außergewöhnliche Atmosphäre.
In den Klassenräumen sind die Fenster so nieder angeordnet, dass man auch aus sitzender Position Blick nach außen auf den Dachgarten und in den Pausenhof hat.
Durch die schwellenlose Fensterfront des Speisesaals fließt Innen und Außen zusammen.

Innere Organisation
Die innere Organisation des Schulhauses ist für den Ankommenden auf den ersten Blick komplett erfassbar. Schon vom Gehweg schaut man durch die großzügige Verglasung ins Foyer. Kaum hat man dieses betreten, sieht man vor sich Treppe und Aufzug, welche die oberen Geschosse mit den Musiksälen erschließen. Linkerhand schließt sich an das Foyer der ebenerdig gelegene Speisesaal an. Er öffnet sich in voller Breite zum Pausenhof, im Sommer kann natürlich auch im Freien gegessen werden.
Der Universalraum ist hinter dem Speisesaal angeordnet und kann hier optimal eingesetzt werden. Durch eine mobile Trennwand ist er dem Speisesaal direkt zuschaltbar und kann z. B. als Bühnenraum für Schulveranstaltungen genutzt werden. Durch eine eigene Außentür ist er aber auch direkt vom Pausenhof aus zugänglich und kann den Schülern zur Überbrückung der freien Zeiten oder für die Hausaufgabenbetreuung geöffnet werden.
Im Obergeschoss haben wir auf jeder Ebene einen Musiksaal und einen Aufenthaltsraum angeordnet. Diese sind mit einer Verbindungstür ausgestattet, sodass u. U. eine Lehrkraft die Aufsichtspflicht in beiden Räumen wahrnehmen kann.
Im Untergeschoß finden sich alle erforderlichen WC-Anlagen, Neben-und Technikräume.

Fassade und Materialie
Das Thema der Fassade soll das Spiel zwischen moderner Gebäudehaut und klassischen Fassadenelementen sein. Die in den benachbarten Fassaden zu findenden Themen werden in zeitgemäße Formen und Materialien transformiert. Wir greifen die Gliederung der Gründerzeitfassaden in Sockel, Fassade aus Backstein, Dachfries und das Einfassen der Fenster mit Naturwerkstein auf.
Umgesetzt wird die Fassadengliederung unaufdringlich innerhalb des Mauerwerkverbands in handwerklicher Kunst. Die Sockelzone als stehende Grenadierschicht, die Fläche im Halbverband, die Attika, auch als stehende Grenadierschicht mit abschließender, liegender Rollschicht und die Gebäudeecken im liegenden Wechsel. Die Fenster erhalten umlaufende, hervorstehende Fenstergewände aus schlanken Betonfertigteilen.
Das steinerne Schulhaus wird mit einem hellen Klinker im Riegelformat 490 x 40 x 90 mm, mit ca. 7 mm tiefliegenden Lagerfugen und stumpf gemauerten Stoßfugen, als hinterlüftete, zweischalige Wand, ausgeführt.
Das sehr schmale und lange Ziegelformat in Verbindung mit den zurückliegenden Lagerfugen betont die horizontale Schichtung der einzelnen Steinlagen. Der Schattenwurf der Fugen verleiht der Fassade Plastizität und eine angenehme Rauheit. Ganz nebenbei ist diese schroffe Oberfläche für Graffitis äußerst ungeeignet.
Die Fensteranlagen sind als Pfosten-Riegel-Konstruktionen konzipiert. Die geölten Eichenprofile im Innern korrespondieren mit den anderen Ausbauelementen aus dem gleichen Holz. In der Treppenhaus- und Flurzone sind alle Fenster festverglast, notwendige Glasstöße sind profillos stumpf gestoßen.
Es entsteht eine sehr helle, moderne Steinfassade, die in traditioneller Art und Weise hergestellt wird. Die Fensteranlagen des Speisesaals und der Klassenräume werden ebenfalls als Pfosten-Riegel-Fassaden geplant. Hier gibt es, angepasst an die Nutzung, verschiedene Öffnungsmöglichkeiten.
Als Fußboden in allen unterschiedlichen Nutzungszonen stellen wir uns einen im "Englischen Verband" verlegten Eiche-Mosaikparkettboden vor. Dieser zeitlose und robuste Boden zeichnet sich durch ein sehr günstiges Preis-Leistungsverhältnis aus. Den Abschluß zu den weiß verputzten Wänden bilden massive Holzsockelleisten.
Die Decken werden nur im Erdgeschoß abgehängt, um Installationen und Beleuchtung zu integrieren. In den Klassenzimmern und im Treppenraum bleiben die Decken unverkleidet, so dass deren Speicherkapazität zum sommerlichen "Kühlen" voll ausgenutzt werden kann. Auf eine verzögernde Fußbodendämmung in den Obergeschossen wird verzichtet. Es wird lediglich ein Verbundestrich eingebaut. Durch die enorme Masse der Betondecken belegt mit Verbundestrich wird dem Trittschall genüge getan.

Akustik
Im Erdgeschoß im Bereich des Speisesaals und des Universalraums werden die Decken mit schallabsorbierenden Decken abgehängt.
Im Treppenhaus ist das große Sitzfenster mit dickem, hellgrünem Wollfilz der den Schall schluckt, ringsum ausgekleidet. Gleiches findet sich in den Musiksälen wieder. Hier sind die raumhohen Einbauschränke mit Wollfilz bezogen. In den Aufenthaltsräumen sind die Raumrückwände mit schallschluckenden Pinnwänden beplankt, lokal werden frei abgehängte Akustiksegel eingesetzt.

Kunstlicht
In den Klassenräumen sind abgependelte Langfeldleuchten mit einer direkten- und indirekten Lichtabstrahlung vorgesehen. Der indirekte Lichtanteil nutzt die Decke als Reflektor, hellt diese angenehm auf und schafft dadurch einen freieren Raumeindruck.
Das Kunstlicht im Speisesaal und im Universalraum wird durch punktförmig angeordnete Deckenein- und Aufbauleuchten erzeugt. Wir differenzieren in Gehzonen und Sitzbereichen innerhalb des Raumes. Im Sitzbereich kommen die gestreut angeordneten Aufbauleuchten, im Gehbereich die linear gereihten Einbauleuchten zum Einsatz.

Rettungswege
Selbstverständlich verfügt das Gebäude über zwei bauliche Rettungswege aus jedem Geschoss, die direkt ins Freie führen. Der erste Rettungsweg erfolgt über den offenen Treppenraum, der ohne weitere Abschlusstüren auskommt. Es werden nur die Klassenraumtüren als T 30 rs Türen mit Freilaufschließer, die über einen Rauchmelder gesteuert sind, ausgestattet. Die Entrauchung erfolgt über den Abluftkamin über dem Luftraum.
Der zweite Rettungsweg erfolgt über die wettergeschützte Außentreppe auf den Dachgarten und von dort über die Tribünentreppe in den Pausenhof.
Natürlich lässt die freie Vorfläche auch ein Einfahren von Rettungsfahrzeugen bis in den Pausenhof zu.